VERSTEHEN SCHAFFT VERBINDUNG

Muss mein Hund wirklich jedem "Hallo" sagen?

Muss mein Hund wirklich jedem Menschen und jedem Hund "Hallo" sagen?

„Der will doch nur spielen.“

„Lass ihn ruhig mal schnuppern.“

„Er muss lernen, mit anderen Hunden klarzukommen.“

Solche Sätze hören Hundebesitzer häufig. Und natürlich kann es schön sein, wenn Hunde miteinander spielen, Kontakt aufnehmen und sich gut verstehen.

Aber wenn sich zwei Hunde zum ersten Mal begegnen, geht es nicht automatisch ums Spielen. Zunächst geht es um Kommunikation.

Die Hunde nehmen einander wahr, beobachten sich, lesen die Körpersprache des Gegenübers und versuchen herauszufinden: Wer bist du? Wie verhältst du dich? Wie viel Nähe ist gerade okay?

Erst wenn beide Hunde sich sicher fühlen und die Kommunikation passt, kann daraus ein entspanntes Spiel entstehen.

Deshalb bedeutet ein aufgeregtes Aufeinanderzulaufen auch nicht automatisch: „Die wollen spielen!“

Muss also ein Hund bei jeder Begegnung Kontakt aufnehmen?

Nein.

Denn soziale Kompetenz bedeutet nicht, dass ein Hund jeden anderen Hund begrüßen, beschnuppern oder mit ihm spielen möchte.

Sozialkompetenz bedeutet auch, einen anderen Hund wahrzunehmen und trotzdem entspannt bei seinem Menschen bleiben zu können.

Kontakt ist nicht immer notwendig

Wenn uns ein anderer Hund entgegenkommt, ist es zunächst einmal ganz normal, dass unser Hund ihn wahrnimmt und beobachtet. Die Hunde kommunizieren miteinander – über Blickrichtung, Körperhaltung, Bewegung und Abstand.

Dabei muss aber nicht jede Begegnung in einem direkten Kontakt enden.

Ein Hund darf lernen, einen anderen Hund wahrzunehmen, seine Signale zu lesen und trotzdem bei seinem Menschen zu bleiben. Er darf lernen, dass nicht jede Begegnung aufregend ist und dass man auch einfach ruhig aneinander vorbeigehen kann.

Und wenn die Voraussetzungen stimmen, kann natürlich auch ein passender Hundekontakt entstehen. Aber Kontakt sollte eine Möglichkeit sein – keine Pflicht.

Gerade im Alltag ist diese Fähigkeit unglaublich wertvoll.

Denn ein Hund, der bei jedem entgegenkommenden Hund sofort hin möchte, hat nicht automatisch mehr Sozialkompetenz als ein Hund, der ruhig vorbeigehen kann.

Die Kommunikation an der Leine ist eingeschränkt

Eine Begegnung an der Leine ist für Hunde etwas völlig anderes als eine Begegnung im Freilauf.

Die Leine schränkt die natürliche Kommunikation der Hunde ein. Bewegungen können nicht mehr frei ausgeführt werden, Ausweichmöglichkeiten fehlen und manche körpersprachlichen Signale können durch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit verändert werden.

Dadurch besteht die Gefahr, dass Signale des einen Hundes vom Gegenüber nicht richtig verstanden oder sogar fehlinterpretiert werden.

Ein Hund möchte beispielsweise einen kleinen Bogen laufen oder Abstand herstellen, kann dies an einer kurzen Leine aber nicht tun. Gleichzeitig kann eine gespannte Leine die Körpersprache zusätzlich beeinflussen.

So kann aus einer eigentlich völlig normalen Begegnung schnell eine angespannte Situation entstehen – obwohl keiner der beiden Hunde „unsozial“ ist.

Deshalb bin ich der Meinung: Direkter Hundekontakt an der Leine sollte möglichst vermieden werden.

Das bedeutet nicht, dass Hunde keinen Kontakt zu Artgenossen haben sollen. Im Gegenteil: Passende Hundekontakte können wertvoll sein.

Aber dafür sollten wir möglichst Situationen schaffen, in denen Hunde frei und angemessen miteinander kommunizieren können – und nicht einfach zwei angeleinte Hunde aufeinander zulaufen lassen.

Im Alltag darf unser Hund deshalb lernen:

„Ich sehe einen anderen Hund. Ich muss nicht hin. Ich kann mich an meinem Menschen orientieren und wir gehen gemeinsam weiter.“

Das ist keine Einschränkung von Sozialkompetenz.

Das ist Sozialkompetenz.

Hunde brauchen nicht zwingend Hundekontakt

„Mein Hund braucht andere Hunde.“

Diesen Satz hört man häufig.

Hunde sind soziale Lebewesen, keine Frage. Aber daraus folgt nicht, dass sie möglichst viele Hundekontakte brauchen oder jeden anderen Hund begrüßen müssen.

Auch die Beziehung und die Interaktion mit dem Menschen sind für einen Hund von großer Bedeutung.

Ein gemeinsames Spiel, eine Trainingseinheit, Suchspiele, Spaziergänge oder einfach gemeinsam Zeit zu verbringen, können für einen Hund sehr wertvolle soziale Erfahrungen sein.

Ein Hund muss nicht mit jedem Artgenossen spielen, um glücklich und sozial kompetent zu sein.

Natürlich können passende Kontakte zu anderen Hunden wichtig sein. Hunde können dabei lernen, ihre eigene Körpersprache einzusetzen, die Signale anderer Hunde zu verstehen und angemessen zu kommunizieren.

Aber Kontakt sollte passend sein – nicht möglichst häufig.

Aushalten lernen – aber nicht um jeden Preis

Manchmal hört man, ein Hund müsse lernen, bestimmte Situationen auszuhalten.

Und ja – das muss er bis zu einem gewissen Grad.

Der Alltag lässt sich nicht immer so gestalten, dass jeder Auslöser vermieden werden kann. Wir können nicht jedem Hund ausweichen, nicht jeden Menschen auf Abstand halten und nicht jede Situation so wählen, wie es für unseren Hund gerade angenehm wäre.

Deshalb gehört es zu einem guten Alltagstraining auch, dass ein Hund lernt, mit gewissen Situationen umzugehen, Frustration auszuhalten und sich trotz Ablenkung an seinem Menschen zu orientieren.

Aber Aushalten bedeutet nicht, dass ein Hund einfach „durch muss“.

Entscheidend ist, wie wir unserem Hund diese Situationen vermitteln.

Ich möchte meinem Hund nicht zeigen:

„Da musst du jetzt durch.“

Sondern:

„Diese Situation gehört zum Alltag. Ich helfe dir dabei, damit umzugehen.“

Das kann bedeuten, Abstand zu vergrößern, die Situation zunächst einfacher zu gestalten, den Hund zu unterstützen oder ihm eine klare Orientierung zu geben.

So lernt der Hund nach und nach, dass nicht jede schwierige Situation gefährlich ist – und dass er sich auf seinen Menschen verlassen kann.

Unser Ziel sollte deshalb nicht sein, unseren Hund vor allem Unangenehmen zu bewahren.

Aber genauso wenig sollte es sein, ihn einfach damit zu konfrontieren, bis er es irgendwie aushält.

Dazwischen liegt für mich gutes, faires Training.

Was bedeutet echte Sozialkompetenz?

Ein sozial kompetenter Hund muss nicht jeden Hund mögen.

Er muss nicht mit jedem Hund spielen.

Und er muss auch nicht jede Begegnung mit einem direkten Kontakt beantworten.

Er darf lernen:

  • andere Hunde wahrzunehmen,
  • ihre Signale zu respektieren,
  • sich an seinem Menschen zu orientieren,
  • Abstand auszuhalten,
  • Frustration auszuhalten,
  • und auch einmal einfach weiterzugehen.

Denn genau das brauchen wir im Alltag.

Für mich bedeutet gutes Hundetraining deshalb nicht, möglichst viele Hundekontakte zu ermöglichen.

Es geht darum, dass Mensch und Hund lernen, sich gegenseitig zu verstehen.

Körpersprache lesen.

Situationen einschätzen.

Grenzen respektieren.

Orientierung geben.

Und gemeinsam einen Weg zu finden, der für beide passt.

Denn manchmal ist die beste Begegnung die, bei der sich zwei Hunde sehen und anschließend einfach entspannt ihres Weges gehen.